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Buchtipps
Die Kosmonauten

Wer sind wir – und wenn ja, wie geht es weiter?

 
20.11.2009
 

Wer bin ich – und wenn ja wie viele? – Diese Frage machte Richard David Precht berühmt. Auch für sein Werk "die Kosmonauten" ist sie zentral. Es sind Rosalie und Georg, die sich diese Frage stellen. Zwei Personen, ein Liebespaar und die aufregende Zeit kurz nach dem Mauerfall in Berlin. Sie suchen ihren Platz in der Geschichte – erst gemeinsam und irgendwann jeder in seinem eigenen Kosmos. Während gleichzeitig das Ende der Sowjetunion beschlossen wird, fragt sich der letzte Kosmonaut in der Raumstation Mir, ob er das Weltall je wieder verlassen wird.

Die Geschichte beginnt in der Kölner Straßenbahn. Dort treffen sich Rosalie und Georg zum ersten Mal. Dort beginnt ihre gemeinsame Geschichte und ihr Aufbruch in eine fremde Stadt. Sie ziehen gemeinsam nach Ost-Berlin. Es ist eine spannende Zeit, die Mauer ist gefallen, die Wiedervereinigung gerade beschlossen. In Berlin scheint zu dieser Zeit alles möglich zu sein. Menschen aus allen Regionen der Bundesrepublik kommen nach Berlin, vor allem die Künstlerszene blüht auf. Eine neue Wohnung, neue Freunde, Partys und gemeinsame Ausflüge – das Leben und die Liebe pulsieren.

Richard David Precht erzählt die Liebesgeschichte zwischen Georg und Rosalie und die Entdeckungsreise durch die neue Stadt in leisen und zarten Worten. Umso tiefer wird der Leser jedoch in die Gefühle der beiden hineingezogen. Man fühlt mit, entdeckt mit und am Ende spürt man selbst auch die Enttäuschung darüber, dass alles an den realen Gegensätzen scheitern muss.

Die Kosmonauten – das sind Georg und Rosalie. Anfangs schweben sie durch die fremde Galaxie der noch unbekannten Stadt. Irgendwann holt sie jedoch die Realität ein. Sie müssen sich einen Job suchen, ein Auto kaufen und stecken plötzlich im Alltagstrott fest. Er träumt weiter, will sich nicht hetzen lassen, ist eigentlich ganz zufrieden. Sie will mehr, will sich wieder verändern. Sie schafft sich einen Hund an, lernt einen anderen Mann kennen und geht schließlich mit ihm nach Amerika. Er zieht weiter in den Osten, sie ganz in den Westen.

Als ob man zwischen den Kapiteln immer wieder etwas Abstand zu Georg und Rosalie braucht, um nicht ganz in ihrer Welt zu versinken, lässt der Autor den Blick nach oben schweifen. Plötzlich sieht der Leser die Welt von oben, aus der Sicht des letzten realen sowjetischen Kosmonauten: Sergej Krikaljow. Er erlebt das Ende der Sowjetunion vom Weltall aus und plötzlich ist unklar, ob er je wieder auf die Erde zurückgeholt wird. Offiziell ist keiner mehr für ihn zuständig.

"Die Kosmonauten" von Richard David Precht erzählt von fremden Welten und entfernten Galaxien, alle vereint in einer Geschichte. Die Zeit nach dem Fall der Mauer – ganz persönlich, politisch wie gesellschaftlich aufregend und gleichzeitig geprägt von vielen Gefühlen und individuellen Schicksalen. Oder besser gesagt: Wer sind wir – und wenn ja, wie geht es weiter?


Richard David Precht, Die Kosmonauten, Taschenbuchausgabe Oktober 2009, Wilhelm Goldmann Verlag, München

**** (von fünf möglichen)

Jana Tashina Wörrle

 
 

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