Möglicherweise kennen wir das spirituelle Japan, aber was wissen wir über das lyrische? Dass Japaner quer durch alle Alters- und Bevölkerungsschichten dichten? Dass Dichten eine regelrechte Volksbewegung in Japan ist? Dass Zeitungen und Zeitschriften regelmäßig Gedichte drucken?
Eine Form, in der Japaner ihre Gedanken zu Papier bringen, ist das Tanka, ein kurzes Gedicht, das sich nach einer strengen Form – 31 Silben aus 5 Versen – richtet. In Japan hat diese Form des Dichtens eine lange Tradition und so umfasst die Anthologie "Gäbe es keine Kirschblüten …" Tanka aus 1300 Jahren – von den Ursprüngen bis zur Gegenwart. Im Laufe dieser Zeit dichteten Kaiser ebenso wie einfache Beamte oder Dienerinnen.
Die Faszination der Tanka liege in der mysteriösen Kraft der Sprache, die über die Wirkung der Alltagssprache hinausreicht, heißt es im Vorwort. Diese stellt sich nicht unbedingt beim Lesen der ersten Gedichte ein, aber je weiter man vordringt, desto mehr findet man einen Gedanken, einen Satz, eine Formulierung oder ein ganzes Gedicht, das den Leser berührt oder in einer besonderen, nicht definierbaren Weise anspricht.
Denn wer kann sich diesen Worten entziehen:
Mein Herz, das dich liebt
ist in tausend Stücke
zerbrochen.
Doch bleibt es erhalten
in jedem einzelnen Splitter
Izumi Shikibu, von der diese Zeilen stammen, war Dienerin bei der Frau eines Kaisers. Das Gedicht entstand bereits im Jahr 1007.
Letztendlich sagen die Gedichte und das ganze Buch viel über die japanische Kultur aus. Denn es ist ein wertvolles Buch, in dem Sinne, dass es reich an Gedanken und Herzblut ist. Wer sich der Anthologie widmet, dem bleibt das gelassene und unprätentiöse Bemühen, ja Ringen um Worte und Ausdruck nicht verborgen. Ein leises, ein zurückhaltendes Buch für ruhige, besinnliche Momente.
Die Sammlung ist liebevoll und mit viel Sorgfalt gestaltet. Neben den deutschen Übersetzungen sind die Gedichte auch in japanischen Schriftzeichen und japanischer Schrift dargestellt. Zusätzlich sind jedem Gedicht einige informative Zeilen zugefügt, die sich auf Kontext, zeitliche Zusammenhänge und ähnliches beziehen oder das Gedicht interpretierend einordnen. Die Sammlung ist ein Büchlein, das man gerne in die Hand nimmt und späteres Zitieren daraus ist nicht ausgeschlossen.
Gäbe es keine Kirschblüten … Tanka aus 1300 Jahren, Yukitsuna Sasaki, Eduard Klopfenstein und Masami Ono-Feller, 2009, Reclam
Bewertung: **** (von fünf möglichen)