Warum dieses Buch so faszinierend ist? Weil es dazu einlädt, unheimliche viele Sachen hinein zu interpretieren. Frage zehn Menschen – jeder wird etwas anderes drin gelesen haben. Da werden schon Zwischenrufe laut: Es geht doch nur um Sex, Tabus und Körperflüssigkeiten. Schon klar. Das auch. Aber Sex, Tabubrüche und Körperflüssigkeiten stehen in "Feuchtgebiete" für Dinge, die im Verborgenen liegen und an die Oberfläche wollen.
Nämlich Angst, Wut und unerfüllte Wünsche. Angst vor dem Alleinsein. Wut auf stumpfsinniges Mitmachen gesellschaftlicher Zwänge wie übertriebene Hygiene. Und der mächtige Wunsch, die Eltern wieder zusammen zu bringen. "Als Scheidungskind wünsche ich mir wie fast alle Scheidungskinder meine Eltern wieder zusammen", schreibt Autorin Charlotte Roche im Prolog. Dabei wird nicht klar, ob sie ihre Eltern meint oder die ihrer Romanfigur Helen. Denn auch die Eltern der Autorin sind geschieden.
Traurig, weil egal wie sehr sich die Protagonistin bemüht, ihre Eltern zu verkuppeln: Es bringt nichts.
Erfrischend, weil es zeigt, wie lächerlich es sein kann, was für eine Maskerade die Menschen mit ihrem Körper und ihrer Sexualität aufführen. Dabei hat man nie das Gefühl, dass das Buch belehren will. Es schaut einfach in jede Ritze. Wo andere schon längst weggucken würden, schaut es mit der Lupe noch genauer hin. In seiner grotesk übertriebenen Art wirkt das Buch immer noch natürlich. Denn es ist ehrlich. Und die Protagonistin sehr menschlich und verletzlich.
Sehr mutig, das Spektrum von dem, was sein kann, zu zeigen. So wie Woody Allen sagt: "Sex ist nur schmutzig, wenn er richtig gemacht wird", machen ihn sicher viele schmutzig. Aber sie würden aus Scham nie ein Wort darüber verlieren.
An vielen Stellen ist das Buch unerträglich widerlich: "Ich steche eine Nadel in den entzündeten Hubbel und drücke erst mal den Eiter da raus. Von der Fingerspitze in den Mund damit."
Trotzdem insgesamt ein großartiges Buch. Auch weil es einen Gegenpol zu manch unerträglich sterilen Models und Sternchen dieser Welt zeigt. Die schon nicht mehr wie Menschen wirken, sondern wie Roboter. Weil aus jedem von Roche's Worten Echtheit und Ehrlichkeit und Menschlichkeit klingt. Und ihre Protagonistin eine Kämpferin gegen die Verlogenheit ist, die nur aus Angst entstehen kann. Wir brauchen mehr Menschen wie Charlotte Roche!
Feuchtgebiete, Charlotte Roche, 22. Auflage 2008, DuMont Buchverlag
Bewertung: *****(von fünf möglichen)
Wie hat Ihnen das Buch gefallen? Geben Sie einen Kommentar dazu ab.
Adrienn Sümeg