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Atemschaukel

Ein Taschentuch, der Held des Überlebens

 
13.01.2010
 
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Bild: Lorenz

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Herta Müllers Roman "Atemschaukel" - ein eindringliches Zeugnis eines Überlebenskampfes
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Ein Taschentuch stand im Mittelpunkt der Rede, die die Schriftstellerin Herta Müller anlässlich der Verleihung des Nobelpreises für Literatur in Stockholm hielt. Das Taschentuch als Held der Nobelpreisrede sei glücklich gewählt, kommentierte die Wochenzeitung "Die Zeit". Ein Held, ein Anker, ein Strohhalm ist das kleine Utensil auch in Herta Müllers aktuellem Roman "Atemschaukel".

Denn auch an einem noch so kleinen Taschentuch kann sich der Verzweifelte festhalten. Ein noch so kleines Taschentuch kann helfen, "fünf gestohlene Jahre" zu überbrücken, das Ziel, zu überleben, im Auge zu behalten. Durch eine kleine menschliche Geste, kann ein noch so kleines Taschentuch zum Lebensretter werden: "Meine Nase tropfte. Abadschij, warte, sagte die Russin und brachte aus dem Nebenzimmer ein schneeweißes Taschentuch. Sie gab es mir in die Hand und drückte meine Finger zu, als Zeichen, dass ich es behalten soll."

Dieses weiße Taschentuch aus Batist wurde "der einzige Mensch, der sich im Lager um mich kümmerte". Leo, der Protagonist, bewahrt es all die Jahre auf, nie gibt er der Versuchung nach, es für etwas Essbares einzutauschen. "Ich glaubte, das Taschentuch ist mein Schicksal. Wenn man sein Schicksal aus der Hand gibt, ist man verloren. Ich war mir sicher, der Abschiedssatz meiner Großmutter Ich weiß Du kommst wieder hat sich in ein Taschentuch verwandelt."

Tatsächlich erhält das Taschentuch in Herta Müllers Werk immer wieder eine besondere Bedeutung: So auch in ihrem Roman "Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet", als es für eine Ausgestoßene und Verfolgte als ausgebreitetes Quadrat auf einer staubigen Treppe gleichsam zum Ersatz für ein Büro mit Schreibtisch wird.

In "Atemschaukel" ist es ein Symbol, für den Willen zu überleben: In Zeiten, wenn es "Eisnägel in den Regen" schneit und "Tote keine Kleider brauchen, wenn Lebende erfrieren", erhält alles eine neue Bedeutung: wie auch Wortschöpfungen wie Hungerengel, Wangenbrot, Herzschaufel, Lagerglück oder eben Atemschaukel.

Von besonderer Bedeutung ist für Leo auch der Abschiedssatz seiner Großmutter "Ich weiß Du kommst wieder". Er begleitet ihn auf dem Weg ins Ungewisse. Im Lager hält er ihn beim Kampf ums Überleben und um die eigene Identität aufrecht.

Herta Müller verarbeitet in ihrem Roman Stoff, den sie in Gesprächen mit Überlebenden von Arbeitslagern und insbesondere durch Erzählungen von Oskar Pastior gesammelt hat. Die Geschichte um den 17-jährigen Leo im russischen Arbeitslager und das, was man wohl nicht Leben nennen kann, könnte eindringlicher nicht sein. Sie schafft es, analog zu Leos, - auf das Lebensnotwendigste reduzierte Dasein, mit einer simplifizierten, ja fast nüchternen Sprache das fünf Jahre währende Lager bildhaft, geradezu spürbar zu machen. Die Sprache zieht den Leser in den Roman hinein, sie berührt und zeichnet ein realistisches Bild ohne die Identität Leos zu verleugnen.


Atemschaukel, Herta Müller, 2009, Carl Hanser Verlag München


Bewertung: ***** (von fünf möglichen)

Daniela Lorenz

 
 
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