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Buchtipps
Ein Land aus deutscher Sicht

"Amerikaner kennen keine Vorschriften"

 
16.10.2009
 

"Mein Amerika – Dein Amerika" – schon der Titel verrät scheinbar viel. Es geht um Amerika und das aus der Sicht zweier Personen beziehungsweise Persönlichkeiten. Der USA-Korrespondent der ARD Tom Buhrow und seine Ehefrau, die Autorin Sabine Stamer, lebten über zehn Jahre in den Vereinigten Staaten. Gemeinsam schildern sie ihre Erfahrungen mit dem "American Way of life" als deutsche Familie im Land der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten. Leider fehlen jedoch die im Titel angedeuteten kontroversen Ansichten und kritisch hinterfragten Gesellschaftsbilder.

Ein Buch über Amerika – meist erwartet man davon entweder die Aufzählung und/oder Widerlegung der gängigen Klischees oder die pure Schwärmerei für dieses Land. Das Buch eines Nachrichtenkorrespondenten weckt dagegen die Erwartung auf eine politische Analyse der vorherrschenden Verhältnisse und ihrer geschichtlichen Hintergründe. Es geht jedoch auch anders. "Mein Amerika – Dein Amerika" beweist es.


Zwischen den Jahren 1994 und 2006 lebte und arbeitete der heutige Tagesthemen-Sprecher – mit kurzer Unterbrechung – gemeinsam mit seiner Familie in den USA. Als Korrespondent der ARD berichtete er aus Washington über politische Entscheidungen und Ereignisse in den USA. Dies ist jedoch nicht Thema des Buches. Stattdessen erfährt der Leser, wie ein Autokauf oder ein erster Schultag "auf amerikanisch" ablaufen. Es geht um die Alltagswelt der amerikanischen Bürger, um das Leben als Deutsche in den USA und auch um gesellschaftliche Probleme und kulturelle Unterschiede.


Amerika und Deutschland – beide Länder werden verglichen und so manche Eigenart wird detailreich beschrieben. Beides erzeugt beim der Lesen sowohl Erstaunen als auch Schmunzeln. Bewertet werden die Eigenheiten nicht. Man erfährt nicht, ob Tom Buhrow oder seine Frau die dort herrschenden Verhältnisse kritisieren oder bewundern. Das amerikanische Sicherheitsbedürfnis wird zum Thema, genauso wie die Angst vor sexuellen Anspielungen in der Öffentlichkeit, vor der es die Kinder zu schützen gilt. Die beiden Autoren sind verblüfft, wie unkompliziert und hilfsbereit die Amerikaner sind. "Amerikaner kennen keine Vorschriften", heißt es im Titel eines Kapitels. Dagegen scheinen die Deutschen in Amerika vor allem für ihre pflichtbewusste Pünktlichkeit und das Sauerkraut bekannt zu sein.


Man bekommt einen Eindruck von dem Leben eines deutschen Ehepaars in den USA – und das sehr ausführlich und facettenreich. Man erfährt etwas über die Mentalität der Bürger von Washington. Die Personen wirken jedoch austauschbar. Das politische Leben des ARD-Korrespondenten wird nur am Rande erwähnt. Man erfährt was sich in den Jahren 1994 bis 2006 politisch und gesellschaftlich verändert. Der Leser lernt die Nachbarn der Familie Buhrow-Stamer kennen, die im vermeintlich reichen Teil der Stadt leben. Aber auch die Bewohner der Häuser am ärmeren Ende ihrer Straße, wo es mehrmals zu Hausdurchsuchungen und Schießereien kommt, werden im Kapitel "Zwischen Idylle und Bandenkrieg" porträtiert. Doch wie es den Autoren, die das Buch autobiographisch angelegt haben, mit und während dieser Ereignisse persönlich geht, erfährt man leider nicht.


"Mein Amerika – Dein Amerika" – der Titel weckt nicht nur den Eindruck zweier Autoren, sondern auch den zweier Meinungen. Tom Buhrow und Sabine Stamer scheinen sich jedoch so gut wie immer einig zu sein. Es werden keine kontroversen Ansichten wiedergegeben oder Diskussionen geführt. Sie sind Amerika-Freunde, verteidigen jedoch auch keine "typisch amerikanischen" Ansichten oder Verhaltensweisen. Sie schildern, was sie gemeinsam erlebt haben. Nicht mehr und nicht weniger.


Als Fazit lässt sich festhalten: Man erwartet sicherlich etwas anderes von diesem Buch. Mehr Politik, mehr Autobiographie, mehr Meinung. Diese Erwartungen werden enttäuscht. Dafür bekommt der Leser eine sehr unterhaltsame und reale Beschreibung der amerikanischen Verhältnisse. Informativ und angenehm zu lesen, auch wenn der persönlichen Sicht auf die Gesellschaft und die Alltagswelt in Amerika ein bisschen mehr persönliche Meinung gut getan hätte.


Mein Amerika – Dein Amerika, Tom Buhrow/Sabine Stamer, 2006, Rohwolt Verlag, Reinbek bei Hamburg


Bewertung: *** (von fünf möglichen)

Jana Tashina Wörrle

 
 

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