Bloße Worte scheinen nicht zu genügen, den Roman zu bewerten, denn Autor Carlos Ruiz Zafón reiht in seinem Bestseller nicht nur Buchstaben aneinander, um daraus eine spannende Story zu bauen, sondern er haucht seinen Worten Seele ein und verwandelt seine Geschichte somit in ein fesselndes Erlebnis.
Spätestens nach dem Versuch, die Romanhandlung möglichst ausführlich weiterzuerzählen, merkt man, wie labyrinthartig und geheimnisvoll sich die Charaktere und Geschehnisse um den Protagonisten Daniel Sempere winden.
Die Gegenwart wird zur Vergangenheit, diese wird gleichzeitig zur Zukunft. Ein zeitliches Kaleidoskop, in dem Zafón den Leser von einem phantastischen Schauplatz zum nächsten führt. Die Bilder, die er durch feinsinnige literarische Wendungen kreiert, sind weder erzählbar noch erklärbar – sie basieren auf Emotionen. Und für diese sorgt Zafón auf jeder der 563 Seiten.
Das auf der Plaza aufwirbelnde Laub meint der Leser selbst um seine Füße tanzen zu spüren, das Rascheln der Blätter vermag er zu hören. Kein Wunder also, dass er wie Protagonist Daniel Sempere dem Abenteuerfieber verfällt, das Geheimnis um die Existenz des Romanautors Julián Carax zu lüften, dessen Buch er vom Friedhof der vergessenen Bücher in seine Obhut genommen hat.
Folgt der Leser dem Protagonist Daniel von Kindesbeinen bis in die Jahre als Familienvater, so kettet er sich ihm auch auf der Suche nach Erinnerungen, Liebe, Erkenntnis an die Fersen und wird nicht müde, ihn zu beobachten – im Gegenteil: Nachdem der Ich-Erzähler ankündigt: "In sieben Tagen würde ich tot sein", schüttelt der Leser insgeheim den Kopf und saugt ungeduldig die Worte der folgenden Seiten auf, um die Frage "Wie kann es nur soweit kommen?" beantwortet zu bekommen.
"Der Schatten des Windes" ist Fiktion, die temporale wie lokale Grenzen überschreitet, so dass man am liebsten in das reale Barcelona reisen möchte, um auf den Spuren Daniels zu wandeln. Gepackt von Neugier, erfüllt von Abenteuerlust und dennoch das Ungewisse fürchtend – so möchte man weiterlesen, weiterlesen, weiterlesen und selbst nach Vollendung der Story möchte man am liebsten … weiterlesen.
Der Schatten des Windes, Carlos Ruiz Zafón, erste Auflage 2005, Suhrkamp Taschenbuch Verlag
Bewertung: * * * * (von fünf möglichen)